Franz Scharfenberger SJ, M.Sc.

DAS DEUTSCHE /r/-PHONEM ALS KONSONANT UND VOKAL

Spektrographische Untersuchungen zur Produktionsweise
und zum Status des /r/ im Phonemsystem der
norddeutschen Umgangslautung

 

 

Groningen 1974

 

 

 

 

 

 

 

 


1

Das deutsche /r/-Phonem als Konsonant und Vokal

In den klassischen Beschreibungen des deutschen Phoneminventars, eingeteilt in Konsonanten, Vokale und Diphthonge, wird dem /r/ ein sicherer Platz im Konsonantensystem zugewiesen. Hinsichtlich seiner allophonischen Varianten wird jedoch darauf aufmerksam gemacht, daß in der Umgangslautung, abweichend von der präskriptiven oder idealisierten Norm für die Hochlautung des /r/ als alveolar-coronaler Vibrant ('Zungenspitzen-R') oder als uvular-postdorsaler Vibrant ('Zäpfchen-R'), weitgehend Realisationen als Frikativlaut oder, positionsbedingt, als 'eine leichte, manchmal kaum hörbare Diphthongierung eines vorangehenden Vokals' (Hildebrandt, 1965: 6) beobachtet werden.

Die Aufgabe, die sich der Verfasser gestellt hatte, bestand nun darin, aufgrund spektrographischer Untersuchungen der Allophone des deutschen /r/ in vorvokalischer, intervokalischer und vor allem nachvokalischer Position zunächst auf deren Produktionsweise zu schließen und dann aus dieser Analyse die Struktur und den Status des /r/ im Phonemsystem der norddeutschen Umgangslautung abzuleiten.

 

1. Theoretische Voraussetzungen und terminologische Erörterungen

Ausgehend von der Annahme, daß die Verständlichkeit von 'Sätzen' von der Deutlichkeit (dinstinctness) der 'Wörter' abhängt, läßt sich folgern, daß zwei Wortausdrücke (word expressions), um in der gleichen syntagmatischen Position distinkt zu sein, physikalisch verschiedene akustische Formen haben müssen. Diese Verschiedenheiten ergeben sich aus den unterschiedlichen Produktionsweisen der Sprachlaute. Wenn nun sprachliche Kommunikation häufig erfolgreich verläuft, ohne daß alle distink-

 


2

tiven Unterscheidungsmerkmale realisiert werden, so ist dies nur wegen der generellen Redundanz im Sprachgebrauch möglich. Damit aber Sprache als Kommunikationssystem mit voller Effektivität funktioniert, d.h. ohne jegliche Ambiguität, muß die Deutlichkeit aller Wortausdrücke gewährleistet sein. Der Umfang des phonemischen Systems einer Sprache, sowie die Abgrenzungen innerhalb desselben, werden aufgezeigt in der Beschreibung derjenigen Mittel und Möglichkeiten, welche im Kode der Sprache zur Verfügung stehen, um die Unterscheidbarkeit (distinctiveness) der Wortausdrücke aufrecht zu erhalten. Die Behandlung der genannten Situationen, die erfolgreiche Kommunikation mit reduzierter Deutlichkeit gestatten, gehört zum Aufgabenbereich der Untersuchungen zur Parole oder Performanz und berührt uns hier nicht unmittelbar.

Ein Wortausdruck besteht aus einer Menge von Vorkommnissen distinktiver Merkmale, die in sich angeordnet sind in einem Relationsgefüge eines funktionalen Nacheinanders (functional sequentiality) und einem komplementären Relationsgefüge eines funktionalen Zugleichs (functional simultaneity). Es ist stets möglich, bei irgendwelchen zwei Vorkommnissen von distinktiven Merkmalen in einem Wortausdruck zu entscheiden, ob sie nach- einander oder zugleich funktionieren, d.h. ob sie sequentiell angeordnet oder simultan bedeutungsunterscheidend wirksam sind. Unter den Begriffen 'functional sequentiality' und 'functional simultaneity' sind Nacheinander und Zugleich zu verstehen im Sinne des 'Kriteriums der Relevanz' der Prager Schule. Das heißt: wenn ab mit ba alternieren kann, um die Ausdrücke zweier verschiedener Mitteilungen von einander zu unterscheiden, werden die Kombinationen ab und ba von einander distinguiert, sie sind sequentiell. Im anderen Falle werden sie nicht distinguiert, sie bilden simultane Kombinationen. Funktionales Zugleich (functional simultaneity) ermöglicht es, den Wortausdruck in eine Sequenz von Mengen simultan distinktiver Merkmale aufzuteilen: diese werden Phoneme genannt (1).

 


3

Vom Standpunkt dieser Untersuchung aus gesehen gilt als Menge der Primärdaten die Menge aller möglichen dinstinktiven Wortausdrücke. Eine Zugehörigkeit zu dieser Menge ergibt sich nicht allein aufgrund der Zugehörigkeit zum Lexikon der Sprache, sondern auch aufgrund der Analogie zu den Wortausdrücken, die im tatsächlichen Lexikon der Sprache attestiert sind. So würde z.B. im Englischen */elek'trkt/ analog zu rickety /rkt/ ebenso zur Menge der möglichen Wortausdrücke gehören wie electricity /elek'trst/, obgleich dieses nicht mittels morphophonologischer Regeln des Englischen von der Wurzel electric /e'lektrk/ ableitbar ist. Aus dem Deutschen könnte man beispielsweise die zwar morphophonologisch abweichende, aber dennoch phonologisch durchaus korrekte Bildung */gldrn/ analog zu silbern /'zlbrn/, bleiern /blrn/ oder blechern /'b1rn/ und golden /'gldn/ anführen. Mit anderen Worten: Morphophonologie ist eher als Teil der Morphologie denn als Teil der Phonologie zu behandeln.

Diejenigen Phoneme, die für sich allein einen Wortausdruck bilden können, oder die im gleichen Typ syntagmatischer Funktion vorkommen wie die Phoneme, die für sich allein einen Wortausdruck bilden können, also mit dem Sonoritätsgipfel (peak of sonority) in Silbenkernposition (syllabic nuclear position), werden Vokale genannt. Andere Phoneme werden gewöhnlich Konsonanten genannt. Bei dieser Zweiteilung erweisen sich aber jene stimmhaften Phoneme als problematisch, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Silbenkernvokalen (syllabic nuclear vowels) vorkommen. Denn es gibt keine scharfen akustischen Abgrenzungen zwischen zwei vokalähnlichen Lauten in unmittelbarem Kontakt, und die genaue Ortsbestimmung (location) des Sonoritätsgipfels in der Silbe ist häufig recht vage. Aus diesem Grunde werden periphäre, reibungsge-

 


4

räuschfreie Dauerlaute (frictionless sonorant continuants) eher als Halbvokale denn als Konsonanten zu behandeln sein.

Wie wir sehen werden, gehört im deutschen Phonemsystem das /r/ zweifellos zu den vokalähnlichsten aller Konsonanten; denn es erscheint nur unmittelbar vor oder nach, also stets in unmittelbarem Kontakt mit einem vokalischen Phonem (2), und sein Verhalten zumal in nach-vokalischer Position legt es nahe, das /r/den anderen halbvokalischen Elementen zuzuordnen. Dies soll im weiteren Verlauf unserer Ausführungen näher dargelegt werden.

 

2. Erstellung des Datenmaterials

Für die Untersuchungen stand ein Sona-Graph 6061 B, 85-16000 Hz Spectrum Analyzer, der KAY Elemetrics Corporation, Pine Brook, New Jersey, Baujahr 1972, zur Verfügung.

Es wurden jeweils drei Arten von Sonagrammen hergestellt: (a) ein Wide Band Sonagramm, 300 Hz Bandbreite, 'Expanded Scale' von 85 Hz bis etwa 5000 Hz; (b) ein Narrow Band Sonagramm, 45 Hz Bandbreite, ebenfalls 'Expanded Scale'; (c) eine Intensitätskurve oberhalb eines Wide Band Sonagramms, 300 Hz Bandbreite, 'Normal Scale'. Die Markierungsstärke lag bei etwa 1,25, AGC Level bei 0,5. Die Reproduktionshöhe wurde zwischen -1 und -2 gehalten. Für die Intensitätskurve wurde die Markierungsstärke zwischen 4 und 5 angesetzt. Jedes Sonagramm wurde mit einem Kalibrationston (500 Hz) versehen. Die Stromstärke (line voltage) war ziemlich konstant, jedoch konnte die Raumtemperatur nicht vollkommen gleichmäßig gehalten werden.

Als Informant diente der Verfasser selbst (F.S.), 48 Jahre alt, gebürtiger Berliner, der von sich annimmt, daß er als Gymnasiallehrer und Kanzelredner mit gelegentlicher Rundfunkarbeit eine Variante des

 


5

Hochdeutschen spricht, die man als gehobene Umgangslautung norddeutscher Prägung bezeichnen kann. Außerdem diente C.B. als Versuchsperson, ein zwanzigjähriger Mann aus Königstein im Taunus, dessen Vater ebenfalls aus Berlin stammt. Informant C.B. hat allerdings seine Schulausbildung durchgängig im Frankfurter Raum erhaltene Nach dem Urteil des Verfassers ist auch seine Aussprache des Deutschen als gehobene Umgangslautung ohne merkliche mundartliche Färbung anzusehen.

Zunächst wurden die durchschnittlichen Formantenhöhen (F1, F2, F3) der einfachen Vokale und Diphthonge des deutschen Phoneminventars festgestellt. Dies geschah durch Messungen der Formantenhöhen dieser Laute auf etwa 70 Sonagrammen mit durchschnittlich drei Wörtern (ein- bis dreisilbig) oder auch einsilbigen Kunstwörtern vom Typ CVC, z.B. bap, dat, gak. Diese Wörter wurden im normalen zügigen Sprechtempo und in gelöster Weise gesprochen. Ein Teil des Materials wurde auf Magnettonband für eventuelle spätere Bezugnahme festgehalten.

Als Meßpunkt wurde bei den einfachen Vokalen jeweils die Mitte des Vokalformanten angesetzt, wenn dieser vom Anlautkonsonanten aus gesehen einen ebenen Verlauf erreicht hatte. Bei den einfachen Diphthongen wurde ebenso verfahren, der zweite Meßpunkt aber jeweils unmittelbar vor einer Richtungsänderung eines Vokalformanten zum auslautenden Konsonanten hin (vowel formant transition). Bei Vokal im Wortauslaut galt als Meßpunkt die Endposition der Formantenbildung, bei den Diphthongen entsprechend die extreme Endposition. Das gleiche Verfahren wurde für die Messungen von Vokal plus /r/ angewandt. Für die Diphthonge //, // und // plus /r/ wurden die Werte für das jeweils zweite vokalische Element vor dem Beginn des Übergangs zum /r/ hin gemessen, also am Wendepunkt der Vokalformantenübergänge.

Die Formanten für die Silbenvokale (basic syllabic vowels) sind hier mit F1, F2 und F5 angegeben, bei zwei vokalischen Elementen die jeweils zweiten Elemente mit F1', F2' und F3', und schließlich bei drei

 


6

vokalischen Elementen die jeweils dritten Elemente mit F1", F2" und F3".

Von beiden Informanten zusammengenommen wurden insgesamt 107 Sonagramme hergestellt und ausgewertet, von denen hier 13 wiedergegeben werden, um Argumentation und Schlußfolgerungen zu verdeutlichen.

Die Abbildungen 1 bis 4 geben nur die errechneten Durchschnittswerte des Informanten F.S. wieder. Die Daten der zweiten Versuchsperson C.B. stimmen mit denen des Verfassers ziemlich genau überein und können somit als Bestätigung der von F.S. erbrachten Ergebnisse angesehen werden.

Sie wurden hier jedoch nicht mit einbezogen, um die Durchschnittswerte für F.S. nicht durch Einführung von Faktoren zu verändern, die wiederum von den individuell verschiedenen physiologischen Proportionen abhängen. Die Durchschnittswerte der Formantenhöhen eines jeden einzelnen Sprechers entsprechen der Gesamtlänge des Sprachkanals (vocal tract, Ansatzrohr), die hier ohne linguistische Bedeutung ist. Die Angaben beziehen sich somit nur auf einen Informanten, den Verfasser.

Die Abbildungen 5 bis 19 geben die Durchschnittswerte in graphischer Form wieder (3). Die Abbildungen 5 und 6 nach Wängler (1967: 87-88) werden zum Vergleich vorgelegt. Geringfügige Abweichungen und Unterschiede werden sofort ersichtlich. Allerdings macht Wängler keine genauen Angaben, wie die Durchschnittswerte für seine Abb. 36 und Abb. 37 erzielt wurden.

 

3. Allgemeine Vorbemerkungen zur Analyse der Sonagramme

Hinreichend objektive Informationen über die physiologischen Vorgänge bei der Aussprache des r-Lautes, beruhend auf direkten Beobachtungen mittels Röntgenfilm, sind von P. Delattre (1965: 73; 1971: 129-155) vorgelegt worden.

 


7

Die allgemeinen physikalischen Gesetzmäßigkeiten, die zwischen den Artikulationsvorgängen und den akustischen Eigenschaften der daraus resultierenden Sprachlaute bestehen, sind durch die Arbeiten von C. Stumpf (1926), T. Chiba und M. Kajiyama (1958), G. Fant (1960, 1970² und 1965) und anderen ebenfalls befriedigend geklärt. Diese Gesetzmäßigkeiten sind in der sogenannten 'Source-Filter Theory' zusammengefaßt, die hier kurz dargelegt werden soll: (a) Sprachlaute werden hervorgebracht durch Modifikation der akustischen Energie, die von einem akustischen Generator (bei Vokalen durch das Phonationssystem der Larynx) erzeugt werden. Diese Modifikation findet statt während des Durchgangs durch den akustischen Filter des Ansatzrohres, also jenem Teil des Sprachkanals, der vor (und oberhalb) des Entstehungsortes der akustischen Energie liegt. (b) Die jeweilige Form, Größe und Dimensionen des Ansatzrohres bestimmen seine Eigenschaften als Filter, d.h. die Weise, wie die hindurchgehende akustische Energie modifiziert wird. (c) Die Veränderungsmöglichkeiten des Ansatzrohres als Filter lassen gewisse Alternativen zu, durch welche dennoch der gleiche akustische Filtereffekt erzeugt wird. So läßt sich z.B. eine Verringerung der Formantenhöhen durch Verkleinerung der Mundöffnung oder durch Verlängerung des Ansatzrohres erreichen. Die Lippenrundung hat beides zur Folge, da die Lippen sowohl vorgestülpt als auch einander näher gebracht werden. Eine Verlängerung des Ansatzrohres kann auch durch einfaches Senken der Larynx erreicht werden. Deshalb kann man also allein von den Eigenschaften des erzeugten Sprachlautes her nicht eindeutig auf Form oder Beschaffenheit des Ansatzrohres schließen. Dennoch läßt sich in den meisten Fällen sowohl aufgrund unserer allgemeinen Kenntnisse über die Physiologie der Organe des Sprachkanals als auch durch direkte visuelle Beobachtung bestimmen, welche von den zwei theoretisch möglichen Artikulationen in der Tat vorliegen. (d) Diese 'Source-Filter Theory' wird gewöhnlich statisch als 'Vokaltheorie'

 


8

formuliert, doch kann sie durchaus erweitert werden zur 'Vokal-Konsonanten-Theorie', welche dann auch die dynamische Aufeinanderfolge der Veränderungen im Sprachkanal einbezieht und beschreibt.

Durch die 'Source-Filter Theory' sind wir in der Lage, unsere Erkenntnisse hinsichtlich der akustischen Eigenschaften der Phonemrealisationen mit unserem Wissen über die artikulatorischen Vorgänge bei der Produktion von Sprachlauten, die jene akustischen Eigenschaften erzeugen, in Einklang zu bringen. Außerdem können wir mit ziemlicher Sicherheit und recht großer Genauigkeit nach und nach die erheblichen Lücken in unserem Verständnis der artikulatorischen Vorgänge ausfüllen.

 

4. Analyse der Sonagramme: /r/ im Anlaut und Inlaut

Der röntgenologische Befund, wie er u.a. von P. Delattre (loc. cit.) vorgelegt wurde, zeigt, daß das /r/ im Anlaut als stimmhafter velar-uvularer Konstriktivlaut realisiert wird, und zwar durch ein Zurückziehen des Zungenrückens, sodaß dadurch nicht allein eine Verengung des Ansatzrohres im velar-uvularen Bereich herbeigeführt wird, sondern gleichfalls eine erhebliche Verminderung des Volumens der Pharynx eintritt.

Aus dem vorliegenden Datenmaterial ist nun ersichtlich, daß vorvokalisches /r/ mit oder auch ohne feststellbare Friktion realisiert werden kann. Unsere Sonagramme zeigen, daß in der Variante des Verfassers Friktion in dieser Stellung kaum oder gar nicht beobachtet werden kann. Sie zeigen ferner, daß, wenn /r/ in absoluter Anlautposition mit starkem Einsatz von Stimmton realisiert wird, die Resonanzen für den ersten und den zweiten Formanten sehr deutlich ausgebildet sind, F1 495 Hz und F2 1190 Hz, für den dritten Formanten jedoch nur recht schwach, F3 2400 Hz. Spezifische Merkmale für anlautendes /r/ ergeben sich auch durch die nachfolgenden Vokalformantenübergänge, wie sie sich auf

 


9

dem Sonagramm 1 besonders klar darstellen: F1 zeigt eine positive (+) Neigung vom Ausgangspunkt (locus) 500 Hz, F2 eine negative (-) Neigung vom Ausgangspunkt 1250-1300 Hz, und F3, wenn auch nur recht schwach, eine positive (+) Neigung vom Ausgangspunkt 2500-3000 Hz. W. Meyer-Eppler (1959: 248) gibt auch die Werte für den apikalen r-Laut [r] an. Diese apikale Realisation des /r/ findet sich nicht in der Variante der Informanten F.S. und O.B. Sie wurde deshalb in dieser Untersuchung nicht berücksichtigt. Bei Meyer-Eppler (loc.cit.) liegen die Werte für den ersten Formanten des [r] und des [R] bei 400 Hz, für den zweiten Formanten des [r] bei 1100 Hz, des [R] bei 1400 Hz, für den dritten Formanten des [r] und des [R] zwischen 2000 und 2500 Hz.

In seinen physischen Realisationen zeigt das /r/ auffallende Parallelen zu /v/ und /j/ in vorvokalischer Position, und man ist geneigt, aufgrund der phonetischen Realisationen die Korrelationen aufzustellen:

f

x

v

j

r    (4).

Im Inlaut bietet sich dasselbe Bild wie in vorvokalischer Position, da der Silbenschnitt vor dem Konsonanten liegt. Als einzige segmentale Realisation des /r/ in intervokalischer Position kann in unseren Sonagrammen lediglich eine starke Verringerung der Intensität beobachtet werden (5). Die Vokalformantenübergänge sind ebenfalls identisch mit denen in vorvokalischer Position: F1 500 Hz, F2 1200 Hz, F3 2500 Hz.

 

5. Analyse der Sonagramme: /r/ im Auslaut

Im vorliegenden Datenmaterial werden Beispiele für eindeutige Friktion des /r/ im Silbenauslaut nicht gefunden. In der Variante des

 


10

Verfassers erscheint die Realisation dieses Phonems nach Kurzvokalen nur gelegentlich als schwacher Vibrant (trill oder flap). Die Wahrscheinlichkeit dieser Vibration wird jedoch höher mit einer kräftigeren Artikulation. Dieses Phänomen stimmt durchaus mit dem Charakter der Artikulationen des /r/ im Auslaut überein. Somit verdeutlichen unsere Sonagramme, was bereits durch den röntgenologischen Befund Delattres sichtbar geworden ist: es handelt sich hier beim nachvokalischen /r/ um einen reibungsfreien Dauerlaut (frictionless sonorant continuant), bei welchem die Zungenwurzel in die Pharynx zurückgezogen wird, wodurch das Funktionsvolumen des Ansatzrohres im Pharynxbereich und im velar-uvularen Bereich stark vermindert wird bis entweder die Tonstärke bis auf Null zurückgeht oder die Silbe mit einem Konsonanten auslautet. Es ist leicht einzusehen, daß bei den Kurzvokalen eine größere Intensität und eine höhere Geschwindigkeit des Luftstromes erwartet werden muß. Bei jenen Realisationen des nachvokalischen /r/ als Vibrant erfolgt die Vibration durch den Luftdruck von der Glottis her, der den Uvularbereich gerade in dem Augenblick zum Öffnen drängt, in welchem sich der völlige Verschluß anbahnt. Im Datenmaterial des Informanten C.B. ist diese gelegentliche Realisation des /r/ als Vibrant zwar etwas stärker, doch nicht häufiger feststellbar, vielleicht in einem von drei Fällen von /r/ nach Kurzvokal.

Der Endpunkt der Vokalformanten eines Silbenauslauts mit /r/ oder vor dem Vokalformantenübergang zu einem silbenauslautenden Konsonanten hängt natürlich von der Art des Silbenvokals ab.

Obschon für die Realisation des /r/ in den verschiedenen Positionen die ersten Formanten bei etwa 500 bis 700 Hz und für die zweiten Formanten bei etwa 830 bis 1200 Hz liegen, was auch auf alle Diphthonge zutrifft, sind die absoluten Werte der Formantenhöhen relativ unbedeutend. Von Bedeutung ist jeweils die Richtung der Übergänge vom Silbenkern zum Silbenauslaut hin. Alle Diphthonge haben also eigene

 


11

für sie typische Neigungen der Formanten zum Silbenauslaut hin, wie sie auf den Abbildungen 8 bis 11 schematisch verdeutlicht werden.

Da die typischen Formantenhöhen für das /r/ denen für // und /a/ sehr ähnlich sind, könnte für die Diphthonge mit // und /a/ ein besonderes Problem entstehen. Aus der folgenden Aufstellung der Formantenneigungen läßt sich jedoch klar erkennen, wie sich die verschiedenen Formantenneigungen innerhalb des jeweiligen Silbenkerns von /AU/ oder /AI/ deutlich von /r/ und /ar/ unterscheiden:

 

F1

F2

F3

/AU/

-

-

+

/AI/

-

+

-

/r/

-

-

-

/ar/

-

-

-   (6).

Eine weitere Beobachtung vom Formantenkontrast aus kann zum Verhältnis /o/ und // gemacht werden, das häufig als lang/kurz Opposition angesetzt wird. /r/ liegt näher bei /r/ - /ar/, /or/ dagegen näher bei /ur/, wie es die folgende Aufstellung zeigt:

 

F1

F2

F3

//

-

+

-

/r/

-

-

-

/or/

+

+

-

/ur/

+

+

-   (7).

Nach einem Diphthong wird das /r/ stets syllabisch realisiert: /'ur/ ['r], /'r/ ['r] und / '/ ['] (8). Werden nun versuchsweise die Resonanzkomplexe /'ur/, /'r/ und /'r/ mit einem einzigen Silbengipfel realisiert, unterscheiden sie sich in den Sonagrammen beider Informanten nicht von zweisilbigen Realisationen.

Das /r/ erscheint als einfaches vokalisches Element eines Silbenkerns nur in unbetonter Position. Die für das /r/ charakteristischen Formantenhöhen werden zwar von der nächstliegenden Umgebung beeinflußt, kon-

 


12

zentrieren sich jedoch in dem Bereich, der für [] oder [] typisch ist (9).

 

6. Schlußbetrachtung

Nach den voraufgehenden Darlegungen besteht kein Problem bezüglich der Identität des /r/ als Phonem. Allen anderen Elementen des deutschen Phoneminventars gegenüber tritt es eindeutig distinktiv in der Anlaut- und Inlautposition hervor. Jedoch ergeben sich Schwierigkeiten für die Auslautposition. Es steht hier zwar klar in Opposition zu allen Phonemen, die nach dem einfachen Silbenkern auftreten können, aber ein Problem entsteht aus der Tatsache, daß zusätzlich zu allen möglichen Konsonanten im Auslaut die Diphthongelemente / / und // ebenfalls nach dem Silbenvokal auftreten. /r/ steht zu diesen in klarer Opposition, doch geht es Kombinationen mit diesen Diphthongen ein wie in den (zweisilbigen) Lautfolgen /'ur/, /'r/ und / ' r/ . Man könnte versucht sein, das Problem dahingehend zu lösen, daß man die jeweils zweiten Diphthongelemente in /AU/, /AI/ und // mit den Konsonanten /v/ und /j/ in Anlautposition identifiziert. Dies ist aber nicht möglich, weil diese Konsonanten in der Anlautposition eine Korrelation zu den stimmlosen Frikativen bilden. Die Opposition stimmhaft/stimmlos wird aber im Auslaut in allen Fällen neutralisiert. Die Frikativkorrelation im Auslaut wird von dem Archiphonem der einzelnen Paare repräsentiert, d.h. von den merkmallosen Gliedern der jeweiligen Opposition, nämlich den stimmlosen. Bei dieser Argumentation muß man folgern, daß die Diphthongelemente / / und / / wie auch /r/ im Auslaut als vokalische Elemente angesehen werden müssen, also nicht als Glieder des konsonantischen, sondern des vokalischen Paradigmas. Somit wäre dann das Kernvokaldreieck in den Positionen der jeweils zweiten Diphthongglieder auf seine extremen Elemente reduziert:

 


13

Das Auftreten von /r/ als einfaches vokalisches Element eines Silbenkerns in unbetonter Position (orthographisches (C)er- / -er(C)), z.B. in vergittert, würde diese generelle Interpretation zu bestätigen scheinen. Sie ist darüber hinaus in deutlicher Übereinstimmung mit den phonetischen Realisationen als Vokoide, die sie in nachvokalischer Position einnehmen. Deshalb braucht aber nicht notwendigerweise zu folgern sein, daß /r/ im Auslaut ein von /r/ im Anlaut und Inlaut verschiedenes Phonem ist. Doch es ist notwendig zu erkennen, daß es einem anderen System angehört: statt den Frikativen zugeordnet zu werden, wie im Anlaut und Inlaut

f

x

v

j

r,

bildet es im Auslaut ein System mit den Diphthongelementen

U

I

r

Es muß jedoch zugegeben werden, daß dieses Diphthongsystem sehr asymmetrisch ist:

(a)     /U/ tritt nur nach /A/ auf in /AU/;
         /I/ tritt nur nach /A/ und // auf in /AI/ und //;
         /r/ kann nach allen Vokalen des Systems auftreten.
(b)      /r/ kann als zusätzliches Element nach den Diphthongelementen
         // und // auftreten wie in den Sequenzen /'AUr/ ['],
         /'AIr/ /'r) und /'r/ ['r].

Der zweisilbige Status dieser Kombinationen wird deutlich, wenn man Maul mit Ma'uer, Beil mit Ba'yer und Gehe'ul mit gehe'uer vergleicht. Unsere Argumentation bezüglich vokoider Realisationen des /r/ in nachvokalischer Position und kontoider Realisationen in vorvokalischer/intervokalischer Position wird bestätigt in mehrsilbigen Sequenzen wie Da'uerre`gen, ba'yrisch, Me'iere'i und Fe'uerri'chtung. Doch haben wir es hier bereits mit morphophonologischen Fragen zu tun, deren Behandlung über den eingangs abgesteckten Rahmen unserer Untersuchung hinausgeht.

 


14

7. Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse

Die vorliegenden Untersuchungen bestätigen im wesentlichen die in der neueren einschlägigen Literatur dargelegten Beobachtungen. In der gegenwärtigen gehobenen Umgangslautung norddeutscher Prägung wird das /r/ in seinen Allophonen distributionsabhängig entweder kontoid oder vokoid realisiert. Somit zeigt sich hier ein deutliches und regelgerechtes Ineinandergreifen der konsonantischen und vokalisches Lautsysteme, genauer des Konsonantensystems und des Diphthongsystems.

 


15

Anmerkungen

(1) S. 2 Es wurde vermieden, für die Begriffe 'simultan' und 'Simultaneität' 'gleichzeitig' und 'Gleichzeitigkeit' zu verwenden, um darzutun, daß es sich in der Formulierung der Phonemdefinition als 'Menge simultan distinktiver Merkmale' nicht um eine temporale Simultaneität, also nicht um ein zeitliches Zugleich, sondern eher um eine funktionale Simultaneität, also um ein funktionales, d.h. bedeutungsunterscheidend wirksames Zugleich handelt.

(2) S. 4 Vgl. Meyer-Eppler, 1959: 247. Vgl. dort auch die Beispiele für vorvokalische und nachvokalische Konsonantenverbindungen (clusters).

(3) S. 6 Vgl. dazu die Illustrationen bei Meyer-Eppler, 1959: 249, und seinen Hinweist' ... die Pfeile geben dabei nicht die tatsächlich durchlaufenen Wege des ersten und zweiten Formanten an, sondern nur Anfangs- und Endpunkt der Bewegung.'

(4) S. 9 Vgl. Pilch (1966: 251-256), Scharfenberger (1967: 54-57), Wiesemann (1970: 60-69).

(5) S. 9 Vgl. dazu auch die Abbildungen 8 - 11 der Beilage zu Wängler (1967: 256-257).

(6) S. 11 Es wurde hier das Symbol /A/ für /AU/ und /AI/ gewählt, um auf die Neutralisation von // und /a/ in den Diphthongen // und // hinzuweisen. Sonst wurde in der Transkription das Archiphonem mit dem 'langen' // der Opposition //≠/a/ identifiziert.

(7) S. 11 Vgl. Abbildung 18.

(8) S. 11 In der phonetischen Transkription für die r-Lautung folgen wir hier IPA (1949: 11; 13 (e), (f); 15 (f)). Als eindeutig vokalisierte Realisationen des /r/ in nachvokalischer Position wurden

 


16

umgebungsabhängig unterschiedlich [a], [], [], [], [] oder [] beobachtet.

(9) S. 12 Orthographisches (C)er- als (unbetonte) Vorsilbe wird häufig entweder als Diphthong oder als silbischer r-Laut [r] realisiert. In diesem Fall ist er der silbischen r-Lautung [r] in der (unbetonten) Auslautposition (Nachsilbe -er) sehr ähnlich, jedoch mit dem Unterschied, daß die Formantenhöhen für das silbische r [r] in der Vorsilbe sehr deutlich vom ersten nachfolgenden Vokal der Hauptsilbe beeinflußt werden.

 


17

Literaturverzeichnis

BETHGE, Wolfgang (1954), 'Die Realisationen des r in neuhochdeutscher Vorlesesprache schlesischer Färbung' in: ZPhon 8.392-396.

CHIBA, Tsutomo, and KAJIYAMA, Masato (1958), The Vowel. Its Nature and Structure. Tokyo: Phonetic Society of Japan.

DENES, Peter B., and PINSON, Elliot N. (1964), The Speech Chain: The Physics and Biology of Spoken Language. (Bell Telephone Laboratories) Baltimore: Waverly Press.

DELATTRE, Pierre (1951), 'The Physiological Interpretation of Sound Spectrograms' in: PMLA 66.864-875.

    (1965), Comparing the Phonetic Features of English, French, German and Spanish. Philadelphia: Chilton.
    (1971), 'Pharyngeal Features in the Consonants of Arabic, German, Spanish, French, and American English' in: Phonetica 23. 129-155.

FANT, Gunnar (1960, 1970²), Acoustic Theory of Speech Production. With Calculations based an X-Ray Studies of Russian Articulations. The Hague/Paris: Mouton.

    (1965), 'Formants and Cavities' in: PICPS V 120-141.

GÖSCHEL, Joachim (1973), Strukturelle und instrumentalphonetische Untersuchungen zur gesprochenen Sprache. Berlin/New York: de Gruyter.

HEIKE, Georg (1970), 'Das Phonologische System des Deutschen als binäres Distinktionssystem' in: STEGER, Hugo (1970), Vorschläge für eine strukturelle Grammatik des Deutschen. (Wege der Forschung, Bd.146), 454-467, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

    (1972), Phonologie. (Sammlung Metzler Bd.104), Stuttgart: Metzler.

HELLWAG, Christopherus Fridericus (1781), Dissertatio Inauguralis physiologico medica de formatione loquelae. Tübingen. (Photostat Ausgabe mit Übersetzung ins Niederländische: H. MOL (Hrsg.) Publicatie No. 10 (1967), Amsterdam: Instituut voor Fonetische Wetenschappen Universiteit van Amsterdam).

HILDEBRANDT, Bruno F.O., und HILDEBRANDT, Lieselotte M. (1965), 'Das Deutsche R. Regelhaftigkeit in der gegenwärtigen Reduktionsentwicklung und Anwendung im Fremdsprachenunterricht' in: Linguistics 11. 5-20.

 


18

HUCKLEBERRY, Alan W. (1970), 'The Disappearing post-vocalic [r] of "General American" English Speech' in: PICPS VI 449-452.

INSTITUT FÜR PHONETIC UNIVERSITÄT KIEL (1972), Phonetische Untersuchungen zur gesprochenen Sprache im Deutschen. Kiel: Mimeogr.

KOHLER, Klaus (1970), 'Deutsche Hochlautung' in: Muttersprache 1970, 238-247.

KRECH, Hans (Hrsg.) (1961), Beiträge zur deutschen Ausspracheregelung. Bericht von der 5. sprechwiss. Fachtagung Halle-Wittenberg 1960. Berlin: Henschel.

    und Kollektiv (1969²), Wörterbuch der deutschen Aussprache. München: Hueber.

KUFNER, Herbert L. (1971), Kontrastive Phonologie Deutsch-Englisch. Stuttgart: Klett.

MALMBERG, Bertil (1967²), Structural Linguistics and Human Communication. Berlin: Springer.

MATER, Erich (1970), Rückläufiges Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig: VEB Verlag Enzyklopädie.

MEYER-EPPLER, W. (1959), 'Zur Spektralstruktur der /r/-Allophone des Deutschen' in: Acustica 9.247-250.

    (19692), Grundlagen und Anwendungen der Informationstheorie. Berlin: Springer.

MORCINIEC, Norbert (1968), Distinktive Spracheinheiten im Niederländischen und Deutschen. Zum phonologischen Identifizierungsprozess. Wroclaw (Breslau): Zaklad Narodowy im.Ossolinskich.

MOULTON, William G. (1962), The Sounds of English and German. Chicago: University of Chicago Press.

PILCH, Herbert (1966), 'Das Lautsystem der Hochdeutschen Umgangssprache' in: ZMaF 33.247-266.

RICHTER, Helmut (1973), Grundsätze und System der Transkription -IPA(G)-. Tübingen: Niemeyer.

SCHARFENBERGER, Franz (1965), 'The Phonology of the German Word' (Unveröffentl. Term Paper) Washington: Georgetown University.

    (1967), 'A Functional-Structural Comparison of English and German' in: Languages and Linguistics 2.3.49-134.

SIEBS (196919. Aufl.), Deutsche Aussprache. Berlin: de Gruyter.

STUMPF, C. (1926), Die Sprachlaute. Berlin: Springer.

 


19

THE PRINCIPLES OF THE INTERNATIONAL PHONETIC ASSOCIATION (1949), London: IPA Department of Phonetics, University College.

ULBRICH, Horst (1961), 'Einige Bemerkungen über die Realisation der /r/- Allophone im Deutschen' in: KRECH, Hans (Hrsg.) (1961), Beiträge, 112-117.

    (1970), 'Zur auditiven Interpretation von deutschen /r/-Allophonen' in: PICPS VI 955-958.

UNGEHEUER, G. (1969), 'Das Phonemsystem der deutschen Hochlautung' in: SIEBS (196919. Aufl.), Deutsche Aussprache. Berlin: de Gruyter. 27-42.

WÄNGLER, Hans-Heinrich (1967²), Grundriss einer Phonetik des Deutschen mit allgemeiner Einführung in die Phonetik. Marburg: Elwert.

WERNER, Otmar (1972), Phonemik des Deutschen. (Sammlung Metzler Bd.108). Stuttgart: Metzler.

WIESEMANN, Ursula (1970), 'Problems in the Analysis of the Segmental Phonemes of Northern Standard German' in Linguistics 64.60-69.